Wie gesagt, hinterher ist man immer klüger, und wenn ich jetzt an diesen Moment zurückdenke, wenn ich an Alex und Madge Toxley auf dem Bahnsteig der Thorpe Station denke, will ich sie anschreien, ich will zu ihnen laufen und sie schütteln, ich will ihnen in die Augen sehen und rufen: Ihr wusstet es, ihr wusstet es schon damals. Warum habt ihr nichts gesagt? Warum habt ihr geschwiegen? 
Warum habt ihr mich nicht gewarnt?
[S. 52 f.]

Ich mache Charles Dickens für den Tod meines Vaters verantwortlich.

Als Eliza Caine nachts am nebligen Bahnhof von Norwich ankommt und wenig später müde und durchgefroren die Empfangshalle von Gaudlin Hall betritt, wird sie von Isabella und Eustace Westerley begrüßt - den beiden Kindern, die von nun an unter ihrer Obhut stehen werden. Zu Elizas Verwunderung leben die beiden offenbar allein in dem alten englischen Anwesen. 
Von den Eltern und anderen Angestellten fehlt jede Spur. Auch die Gouvernante, die bisher auf die Geschwister aufgepasst hat, ist fluchtartig abgereist. Da Eliza die beiden Kinder aber unmöglich einfach ihrem Schicksal überlassen kann, bleibt sie in Gaudlin Hall und beschließt gleich am nächsten Tag für etwas Ordnung zu sorgen. Als sie endlich allein in ihrem Zimmer ist und sich über die seltsamen Umstände ihrer neuen Anstellung wundert, fühlt sie sich plötzlich von jemandem beobachtet - oder von etwas - und schnell wird klar, dass sie mit den beiden Kindern doch nicht allein ist...

Gänsehaut und spannende Gruselszenen - das habe ich mir von diesem Buch versprochen, als ich den Klappentext las und konnte es gar nicht abwarten endlich in die Geschichte von Eliza Caine einzutauchen. Der erste Satz riss mich sofort mit, denn wer würde nicht neugierig werden, wenn jemand Charles Dickens für einen Tod anklagt? 
Doch leider ließ meine Euphorie genauso schnell wie sie gekommen war auch wieder nach. 

Der sanfte Einstieg in die Geschichte nahm dem Ganzen leider den Bann der Gruselgeschichte. Mir hätte es besser gefallen, wenn Elizas Leben mit ihrem Vater im Laufe der Story erzählt worden wäre und nicht vorweg genommen worden wäre. So konnte man sich leider zu viel selbst zusammenreimen und dadurch ging die Spannung an den meisten Stellen verloren. 

Da dieses Buch als unheimlich gute Geistergeschichte angepriesen wurde erwartet man auch Spuk, Horror und den gewissen Nervenkitzel. Doch leider blieb das bei mir völlig aus. Ich habe mich weder gegruselt, noch hatte ich Gänsehautfeeling. 
Die meisten Gruselszenen wirkten so gezwungen und zerstörten damit den Moment. 

Der nächste Punkt, der mich gestört hat war der Schreibstil beziehungsweise die Wortwahl der Charaktere, die eigentlich dem Jahr 1867 entsprechend sein sollte. Allerdings unterhielten sich Eliza und die anderen fast wie wir heutzutage. Das nahm der Geschichte den letzten Funken Glaubwürdigkeit. 
Wenn ich eine Story aus dem Jahre 1867 schreiben möchte, dann muss ich mich auch dementsprechend ausdrücken. Es muss nicht Jane Austen gleich sein, aber der Zeit angemessen. 
 
 

Eliza - unsere Protagonistin - war mir überhaupt nicht sympathisch. Oft kam sie mir nicht mal vor wie eine Frau, sondern wie ein Mann. Ihre Denkweise gleicht nicht ansatzweise der einer Frau.
Außerdem ist sie ziemlich naiv, selbstkritisch und viel zu aufopfernd und selbstlos. Sie übertrieb in jeder ihrer schlechten Charaktereigenschaften so sehr, dass sie mich letztendlich nur noch genervt hat. Ganz einfach ausgedrückt waren dies Elizas Gedanken: Ich bin so hässlich, deswegen kann ich mich opfern.

Ich wurde von diesem Buch also mehr als enttäuscht und würde jedem, der sich eine gruselige Story - gerade jetzt zur Halloweenzeit - wünscht davon abraten, diese Geschichte zu lesen. Im gesamten Werk fehlt einfach der Höhepunkt. Die Handlung läuft vor sich hin und am Ende fragt man sich Das war es jetzt?.
Der Ansatz der Geschichte ist gut, doch es fehlt ein entscheidendes Element, um aus diesem Buch wirklich eine spannende Gruselgeschichte zu machen, die den gewissen Nervenkitzel mit sich bringt.


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